Ukrainer protestieren weiter gegen Verteidigungsminister-Aus - Erneute russische Angriffe
Inmitten anhaltender russischer Angriffe auf die Ukraine haben erneut tausende Menschen im Land gegen die Ablösung des beliebten Verteidigungsministers Mychailo Fedorow protestiert. Präsident Wolodymyr Selenskyj deutete am Samstagabend Veränderungen in der Armeeführung an: Es habe "viele Beratungen" gegeben, "natürlich höre ich, was die Menschen sagen", sagte er. Derweil griff Russland Kiew nach ukrainischen Angaben mit rund zwei Dutzend ballistischen Raketen an, ein Mensch wurde demnach getötet.
Fedorow war am Mittwoch im Rahmen einer Regierungsumbildung abgelöst worden. Am Samstag versammelten sich den dritten Tag in Folge zahlreiche Demonstranten in der Hauptstadt Kiew, um gegen seine Ablösung zu protestieren. Zugleich forderten sie den Rücktritt von Armeechef Oleksander Syrsky.
In seiner ersten öffentlichen Reaktion auf die Proteste dankte Fedorow den Demonstranten. "Es gibt einen Dialog. Ich glaube, dass sich alles zum Guten wenden wird", schrieb er im Onlinedienst Telegram.
Für viele Ukrainer verkörperte der Verteidigungsminister, der nur sechs Monate im Amt war, die Modernisierung der von Bürokratie und Korruptionsvorwürfen belasteten Armee. Fedorow hatte die Digitalisierung der Streitkräfte und den Einsatz von Drohnen vorangetrieben. Unter seiner Leitung wurden zudem die Bezüge von Soldaten deutlich erhöht und Pläne für eine schrittweise Demobilisierung entwickelt.
Nach seinem Rückzug hatte Fedorow Armeechef Syrsky vorgeworfen, seine Entlassung mit einem Ultimatum erzwungen zu haben. Er kritisierte darüber hinaus langsame bürokratische Abläufe und mangelnde Flexibilität innerhalb der Streitkräfte.
Selenskyj reagierte am Samstagabend auf die anhaltenden Proteste gegen die Ablösung Fedorows. "Es gab gestern und heute viele Beratungen. Natürlich höre ich, was die Menschen sagen", sagte er am Samstagabend in einer Videobotschaft. Er habe sowohl mit Fedorow als auch mit Syrsky gesprochen. "Entscheidungen bezüglich der Armee werden ausgearbeitet", sagte Selenskyj. In ukrainischen Medien wurde über eine mögliche Entlassung des Armeechefs spekuliert.
Unterdessen führte Russland nach den Worten des ukrainischen Präsidenten in der Nacht zum Sonntag eine seiner bislang größten Attacken mit ballistischen Raketen auf Kiew aus. Russland habe das ukrainische Staatsgebiet mit mehr als 40 Raketen verschiedener Typen attackiert, die meisten davon seien auf die ukrainische Hauptstadt gerichtet gewesen.
Ein Mensch sei getötet worden, erklärte Selenskyj. 16 weitere Menschen wurden bei dem Angriff demnach verletzt. Journalisten der Nachrichtenagentur AFP sahen am Morgen verkohlte Wohnblocks mit herausgesprengten Fenstern sowie beschädigte Autos.
"Die Raketen kamen einfach eine nach der anderen, die Explosionen waren gewaltig - es war schrecklich", sagte die 47-jährige Hanna Sagorodnia der Nachrichtenagentur AFP. "Ich dachte, mein Leben wäre gleich vorbei."
Russland bestreitet, Zivilisten ins Visier zu nehmen. Moskau erklärte, es habe militärische Einrichtungen und Logistikzentren in Kiew sowie Hafeninfrastruktur der ukrainischen Armee in der Schwarzmeerstadt Odessa angegriffen.
Die russischen Angriffe erfolgten, nachdem am Samstag bei ukrainischen Angriffen auf zwei Logistikzentren in Russland nach Behördenangaben insgesamt acht Menschen getötet worden waren. Die Attacken trafen Einrichtungen des Onlinehändlers Wildberries, wie russische Behörden mitteilten. Selenskyj erklärte, die Logistikzentren seien für die Lieferung von Drohnen-Bauteilen genutzt worden. Ferner brach nach russischen Angaben Feuer in einem Erdöl-Lager in der Region Moskau aus.
Russland überzieht die Ukraine seit mehr als vier Jahren fast täglich mit Raketen- und Drohnenangriffen. Die ukrainische Armee verstärkte ihre Drohnenangriffe auf Russland zuletzt deutlich.
P.Prasad--MT